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Liebe geben, die stark macht, Freiburger Stadtkurier, 22.06.06

            
     

Freiburger Stadtkurier, 22.06.06
Liebe geben, die stark macht

Erziehung braucht Zeit, allem Reality-TV zum Trotze: Auf den Spuren einer "Super Nanny" in Freiburg

SK: Schwierige Kinder, hilflose Eltern? Woran mangelt es bei der Erziehung in Deutschland?

L. G.: Manchmal wird vergessen, welchen enormen gesellschaftlichen Wandel wir in den letzten Jahrzehnten durchlaufen haben. Und nicht nur in Deutschland.

Noch die Generation meiner Eltern wurde in einer Zeit erzogen, in der Schläge und Demütigungen gängige und legitime Mittel der Erziehung waren. Auch wenn wir viel bewusster und selbstkritischer geworden sind, dieses Erbe tragen wir noch in uns. Im Grunde leben wir in einer Zeit großen erzieherischen Umbruchs. Die alten Methoden sind heute Tabu. Gott sei Dank. Uns ist bewusst, dass Kinder Grundbedürfnisse haben, die erfüllt sein müssen. Das sie Liebe und Vertrauen, Sicherheit und Anerkennung benötigen. Wir wissen ebenso, dass Kinder Regeln und Grenzen brauchen, an die sie sich halten können. Aber wie kann ich gleichzeitig liebevoll und konsequent sein? Unter welchen Umständen ist es sinnvoll flexibel und nachgiebig zu sein und wann ist es wichtig standhaft zu bleiben? An dieser Stelle herrscht oft große Verunsicherung. Und natürlich ist es so: Kinder brauchen auch unsere Klarheit und Standfestigkeit, denn liebevoll und klar gesetzte Grenzen schenken ihnen Sicherheit, Halt und Orientierung. Aber wie sieht eine gewaltfreie, damit meine ich eine von Drohungen, Beleidigungen und Aggressivität freie, natürliche Autorität aus? Nur wenige von uns hatten in ihren Eltern schon ein echtes Rollenvorbild, von dem sie etwas darüber lernen konnten.

SK: Die Sendung "Super Nanny" kann den Eindruck vermitteln, es gäbe eine Trickkiste, aus der sich Eltern bei Problemen mit Kindern bedienen könnten. Ist es so einfach?

L. G.: Für den Fernsehzuschauer kann es wie ein Griff in die Trickkiste wirken, wenn ein altes Verhalten durch ein neues ersetzt wird und damit tatsächlich ein Teufelskreis unterbrochen, und die Situation positiv verändert ist. Doch was ist diesem "Griff" vorausgegangen? Wie lange haben Eltern und Kind unter der Situation gelitten, bis die Entscheidung fiel, sich die Hilfe, die ein Coaching bietet, zu gönnen? Viele Eltern kennen die Ratlosigkeit und Verzweiflung, die Erziehung mit sich bringen kann, dennoch haben nur wenige den Mut über ihre eigenen Stärken und Schwächen, Wünsche und Bedürfnisse nachzudenken und sich dem Neuen zu stellen.

Als nächster Schritt ist die Bereitschaft genau hin zu schauen gefordert. Wie habe ich mich als Eltern bislang in den problematischen Situationen verhalten und wozu führte es in aller Regel? Wie sehen sinnvolle Handlungsalternativen aus? Dabei ist die Unterstützung eines erfahrenen und aufmerksamen Dritten so wertvoll, denn bekanntlich sind ja gerade die Dinge besonders schwer zu erkennen, die uns am nächsten sind. Er kann mir helfen einen Schritt zurück zu treten und die größeren Zusammenhänge wahrzunehmen.

Und dann erst kann ich ein Muster, in dem ich feststeckte und das immer wieder den gleichen Teufelskreis erzeugte, auflösen, indem ich ein neues, weniger konflikterzeugendes Verhalten an die Stelle des alten setze, es einübe und mir zu eigen mache. Wobei das Einüben viel Wachheit und Präsenz erfordert, schließlich will ich dauerhaft positive Veränderungen herbeiführen. Das bedeutet alte Gewohnheiten - denn auch Verhaltens- und Sicht- und Reaktionsweisen sind Gewohnheiten - abzulegen. Aber es funktioniert. Wenn Eltern wirklich entschieden sind und ernsthaft eine Lösung wünschen, bringen sie auch die nötige Konsequenz für die Umsetzung auf. Und was könnte sie mehr motivieren als der spürbare Erfolg ihrer Bemühungen.

SK: Das Reality - TV verlangt schnelle Lösungen. Wie viel Zeit braucht Erziehung?

L. G.: Wir sehen eine 45-minütige Sendung und vergessen dann vielleicht, dass die Diplom-Pädagogin Katharina Saalfrank über eine Woche die Familie begleitet und unterstützt hat. Sie hat Anstöße gegeben und den Eltern die Möglichkeit eröffnet ein neues Verhalten auszuprobieren. Das ist das, was wir zu sehen bekommen. Die Eltern erkennen, verstehen und durchbrechen schließlich ein Muster indem sie sich bewusst anders verhalten und das Kind reagiert positiv darauf. Das sind Schlüsselerlebnisse, die für die Eltern sehr wertvoll sind. Dennoch ist es nur natürlich, dass wir trotz solcher Erlebnisse immer mal wieder in die alten Sicht- und Verhaltensweisen zurückfallen. Nicht zuletzt darum, weil unser Denken und Handeln als Eltern stark von unseren eigenen Kindheitserfahrungen geprägt ist. Dann braucht es Geduld und Verständnis für uns selbst, sowie den ungebrochenen Willen am Ball zu bleiben. Es ist sehr hilfreich, wenn wir uns bewusst daran erinnern, was wir selbst als Kind erlebt haben, was gut war, aber auch was uns verletzt hat, was schmerzhaft war. So können wir verstehen, warum wir heute sind, wie wir sind, was es leichter macht Kreisläufe zu durchbrechen und sich für neue Erfahrungen zu öffnen. Es ist ein Prozess, bei dem wir uns als Eltern begleiten lassen können. Ich jedenfalls, biete diese Begleitung an, so dass Eltern auch nach der intensiveren Zeit gemeinsamer Arbeit, auf Rat und Unterstützung zurückgreifen können, wenn sie diese benötigen.